direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Jannis Hergesell

Kollegiat der 2. Kohorte

Lupe

 

Anschließende Tätigkeit:

Dr. Jannis Hergesell ist seit 2019 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Methoden der empirischen Sozialforschung am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin tätig. Er hat von 2019 – 2023 die Projektleitung des Projekts „Hindernisse und Potentiale für die Berufstätigkeit bei teilweiser Erwerbsminderung. Eine Typologie der Arbeitsbeziehungen zwischen Arbeitgebern und gesundheitlich beeinträchtigten Personen“ (ERMTYP) inne.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Dissertation

Technische Assistenzen in der Altenpflege – Eine historisch-soziologische Analyse zu den Ursachen und Folgen von Pflegeinnovationen 

Eine der kontrovers diskutierten, ungelösten Herausforderungen moderner Gesellschaften im demographischen Wandel ist die Versorgung einer immer größer werdenden Anzahl von altersbedingt Pflegebedürftigen. Als Lösungsstrategie für den „Pflegenotstand“ wird von verschiedenen Akteuren die Implementierung von innovativen Pflegetechniken gefordert. Sowohl die finanziellen, personellen als auch ethischen Herausforderungen, vor denen die Gestaltung einer zukunftsfähigen Pflege steht, seien demnach durch Pflegeinnovationen zu bewältigen.Die Diskrepanz zwischen dem Lösungspotential für die Problemlage der Altenpflege, welches den Pflegetechniken diskursiv zugeschrieben wird, und den empirisch vorzufindenden Belegen für diese These ist jedoch erstaunlich groß. Bestehende Konzepte, welche die forcierten Bestrebungen die Pflege zu „technisieren“ erklären, können die außergewöhnlich rasche und erfolgreiche diskursive Etablierung der Pflegetechniken und ihre massive Förderung nicht fassen.Ausgehend von der Beobachtung, dass finanzielle, personelle und ethische Probleme in der geschichtlichen Entwicklung der Altenpflege nichts Neuartiges sind und “innovative“ Pflegetechniken in der Gegenwart noch keinen überzeugenden Nutzen haben, stellt sich die Frage: Warum werden gegenwärtig innovative Pflegetechniken als effektive und wünschenswerte Lösung für die Probleme der Altenpflege wahrgenommen und welche Folgen hat diese „Technisierung“ der Pflege?Zunächst wurden dazu in einer ethnographischen Primärerhebung in Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Demenz untersucht, wie innovative technische Assistenzen verwendet werden. Diese Ergebnisse wurden dann genutzt, um in einer historischen Rekonstruktion gezielt diejenigen Prozessgesetzmäßigkeiten zu analysieren, die zu der gegenwärtigen Forderung nach Pflegetechniken geführt haben. Der soziohistorische Zugriff auf diese Fragestellung ermöglicht es die Entwicklung der Altenpflege zu rekonstruieren, welche in Kausalität zu der aktuellen Forderung nach „Technisierung“ steht.Es zeigt sich, dass seit der Konstitution der stationären Altenpflege ein grundsätzlicher Konflikt zwischen ökonomischen, fachlichen und ethischen Wissensbeständen besteht, welcher die Entwicklung der Pflege prägt und in Verbindung mit dem Phänomen der innovativen Pflegetechniken steht. In der ca. 130 Jahre andauernden Geschichte der institutionalisierten Altenpflege konnten sich, je nach zeitgenössischem Kontext, verschiedene Akteure und Interessen bei den Problemdefinitionen und Lösungsstrategien in der Altenpflege durchsetzen. Die langfristige und wechselhafte Entwicklung des inhärent in die Strukturen der Altenpflege eingeschriebenen Konfliktes mündet in der aktuellen Situation, in der sowohl ökonomische als auch fachliche und ethische Aspekte bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise des Pflegenotstandes gleichberechtigt berücksichtigt werden müssen. Während in den vorherigen Phasen der Konfliktaushandlung einzelne Akteure ihre Interessen machtvoll durchsetzen konnten, ist nun auf Grund der nivellierten Machtbeziehungen der Akteure in der Altenpflege eine integrative Konfliktaushandlung notwendig. Eben jene Integration leistet die innovative Pflegetechnik zumindest auf diskursiver Ebene. Die große Prominenz von Pflegetechniken steht daher im Zusammenhang mit deren Anschlussfähigkeit an die historische Genese der Altenpflege und ihrer Eigenschaft als konsensfähige „Zukunftsvision“ für die Pflege im heutigen demographischen Wandel.Zusätzlich wird der derzeitige Erfolg von Pflegeinnovationen durch die Gegenwartsdiagnose der „Innovationsgesellschaft“ nachvollziehbar. Zeitspezifisch für die moderne Gesellschaft ist die Ausbreitung von Innovationen in alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Dabei sind Innovationen als gegenüber dem Alten positiv konnotierte, verbesserte Neuheit zu verstehen. Es wird deutlich, dass die erfolgreiche Attribuierung von neuen Pflegetechniken als „innovativ“ ihre Wahrnehmung als begrüßenswerte, erfolgversprechende Lösungsstrategie bewirkt: Da Pflegetechniken als „innovativ“ gelten, werden sie als etwas prinzipiell Positives gedeutet und verfügen über einen Vertrauensvorschuss, gleichzeitig wird ihr Einsatz bemerkenswert wenig kritisch reflektiert.

Entgegen der postulierten Eigenschaften der Techniken lässt sich beobachten, dass in technisierten Pflegesituationen an ökonomischer Effizienz orientierte, standardisierte Pflegehandlungen zunehmen. Weniger relevant werden dadurch Pflegeauffassungen, die Altenpflege als soziale Beziehungsarbeit definieren, welche situativ und stets am Einzelfall auf Grundlage von fachlicher Expertise ausgeführt wird. Langfristig gesehen können Pflegetechniken so die Umdeutung von Pflege als sozialem Beruf hin zu einer stark auf grundpflegerische Aspekte fokussierten Dienstleistung bewirken. Da dieser Prozess im Pflegealltag meist nicht reflektiert wird und die neuen Pflegetechniken nur selten kritisch diskutiert werden, kann von einer „stummen Ökonomisierung“ der Altenpflege durch die neuen Pflegetechniken gesprochen werden.

Arbeitsschwerpunkte:

Gesundheitssoziologie, Soziologie der Behinderung, Historische Soziologie, Prozess- und Figurationssoziologie, qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung, soziale Ungleichheitsforschung

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang:

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe


Hergesell, Maibaum (Hrsg.): Genese und Folgen der Pflegerobotik

Hergesell: Technische Assistenzen in der Altenpflege